Yōshin Ryū 楊心流 oder 養心流, Schreibweise je nach Linie ist eine der ältesten klassischen Jūjutsu Schulen Japans (Koryū Bujutsu), entstanden im 17. Jahrhundert. Verschiedene Linien existieren heute noch, besonders die Takagi Yōshin Ryū und die Hontai Yōshin Ryū.
Die Kernideen der Schulen sind flexible, weich fließende Bewegungen und die Kontrolle des gegnerischen Gleichgewichts. Es geht um die Methode wie speziell die Kraft und Energie eingesetzt wird. Integration von unbewaffneten Techniken und Waffenprinzipien, sind dort ebenso zu finden.
In den Koryū stellen die Maki (Schriftrollen) traditionell die schriftlichen Lehrüberlieferungen der Tradition dar. Sie sind oft geheim, kryptisch und enthalten Prinzipien, Techniklisten, innere Konzepte (Kuden) und ethisch-spirituelle Richtlinien.
Die Honden, Inyō no Maki und Seikan no Maki sind typische Titel solcher Rollen.
Honden 本伝 ist die Hauptüberlieferung und bedeutet Hauptlehre und zentrale Tradition. Sie enthält die grundlegenden Techniken, Prinzipien und Trainingsmethoden
und bildet das Fundament des Systems. In der Yōshin Ryū umfasst Honden typischerweise grundlegende Jūjutsu Waza, mit den Prinzipien von Distanz, Timing und Körpermechanik. Es sind die Basis Kata, aus denen spätere Stufen aufbauen und beinhalten die wichtigsten Prinzipien. Somit ist Inhaltlich das Honden das Herzstück der Schule.
Inyō no Maki 陰陽之巻 ist die Rolle des Yin und Yang. Sie bezieht sich auf die dualistische Prinzip In/Yō 陰陽, ähnlich Yin/Yang und beschreibt das Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte. In der Kampfkultur Japans wird dies meist als Weichheit vs. Härte, Expansion vs. Kontraktion, Vorwärts- vs. Rückwärtsenergie und Initiative geben vs. Aufnehmen.
In der praktischen Jūjutsu Anwendung bedeutet dies oft das Umschalten zwischen Ziehen und Drücken, die Kontrolle des Moments, die Anpassung an den Gegner (Nagare)
und die Nutzung der gegnerischen Struktur statt eigener Kraft.
Der Inhalt diese Rolle vertieft die inneren Prinzipien hinter den Bewegungen.
Seikan no Maki 精観之巻 / 正観之巻 ist die Rolle des reinen und richtigen Blicks.
Seikan kann dabei eine Betrachtung, ein korrektes Sehen / Wahrnehmen oder geistige Aufrichtigkeit bedeuten. Es verbindet physische Technik mit mentaler Disziplin und Haltung.
In der Anwendung des Jūjutsu geht es hier um geistige Haltung im Kampf, um Kontrolle der Emotionen, die richtige Wahrnehmung des Gegners, seiner Absicht, seiner Struktur
und tiefere Ebenen der Taktik.
Diese Rolle enthält die fortgeschrittenen oder geheime Prinzipien der Tradition im Okuden und betont den geistig-strategischen Aspekt in der inneren Kultivierung.
Gemeinsam bilden diese Schriftrollen einen klassischen Lehrweg des Jūjutsu in der Edo Jidai.
1. Honden, als technische und konzeptionelle Grundlagen.
2. Inyō no Maki, mit dem Verständnis der zugrunde liegenden Kräfte und Dynamiken
3. Seikan no Maki, als die geistige und wahrnehmungsbezogene Meisterschaft
In der Didaktik ist dies auch als Shu Ha Ri bekannt
(Befolgen – Durchdringen – Übersteigen)
Diese drei Maki repräsentieren eine typische Koryū Struktur, in der Technik, Prinzip und Geist aufeinander aufbauen.
Honden Maki ist knapp 350cm lang, die anderen beiden knapp 180cm jeweils. Ausgestellt 1837, Ende der Edo Jidai Ausgegeben von einem gewissen Oshima und einem gewissen Nakayama.
Der Yōshin Ryū Zweig der Akiyama und Miura Überlieferung, gehört zum klassischen Ursprungskern. Im historischen Rahmen, entstand sie im frühen Edo Jidai (17. Jh.).
In der Friedenszeit unter den Tokugawa. Die Kampfkunst verlagert sich von Schlachtfeld-Techniken zu Zivil- und Selbstverteidigung, mit dem Fokus auf unbewaffnete Kontrolle, Festnahme, Selbstschutz.
Yōshin-ryū gilt als Grundlage zahlreicher späterer Jūjutsu-Schulen.
Akiyama Shirōbei Yoshitoki 秋山 四郎兵衛 義時
Die zentrale Gründerfigur war ein Samurai und Kampfkünstler, mit Kenntnissen im Hakuda (Chinesischen Faust- und Heilmethoden) und in Medizin, Anatomie, Reanimation (Kappō).
Der berühmten Legende zufolge beobachtete Akiyama im Winter ein Weidenzweig (yō 柳) der sich unter Schneelast beugte. Er erkannte das starke Äste brechen, die flexible Weide aber überlebt. Daraus entsteht das Kernprinzip: Das Weiche überwindet das Harte 柔能く剛を制す.
Nach Akiyama verbreitete sich die Yōshin Ryū auch in mehrere Linien, so auch in die
Miura-Linie, durch Miura Familie. Sie gilt als besonders klassisch und innerlich ausgerichtet. Ihr Fokus liegt stark auf Prinzipien statt nur auf äußerer Technik, dem Inyō-Denken und der Wahrnehmung, Timing, Kuzushi.
In manchen Linien heißt es explizit, die Akiyama war der Ursprung und die Miura war die Systematisierung und Vertiefung.
Die technischen und geistige Merkmale der Akiyama und Miura Yōshin Ryū liegen bei:
1 Atemi (gezielte Schläge auf Schwachpunkte)
2 Kansetsu Waza (Hebel)
3 Nage Waza (Würfe)
4 Ne Waza (Kontrolle, Fixierung)
5 Kappō (Belebungs-/Heiltechniken)
In den Prinzipien des Inyō 陰陽 (Wechsel von weich/hart), Maai (Distanzgefüge), Kuzushi (Zerstörung der Struktur) und Seikan (Wahrnehmung der Intention).
In der Koryū Welt hat die Yōshin Ryū eine besondere Bedeutung inne. Denn sie gilt als Brücke zwischen alten Kriegerkünsten und moderner Budō Ethik.