Steht für empfangen und fließen lassen, oder aufnehmen und umlenken. In den traditionellen japanische Kampfkünsten umschreibt dieser Begriff nicht unbedingt eine spezielle Technik, sondern ein Verteidigungsprinzip.
In der sprachlichen Aufschlüsselung, kann man die Bedeutung einen Angriff annehmen und weiterleiten, statt ihn hart zu blocken, wiederfinden.
Uke 受け steht für empfangen, aufnehmen, annehmen
Nagashi 流し für fließen lassen, wegströmen lassen
Das technische Prinzip umschreibt die Theorie wie folgt:
„Eine weiche, fließende Abwehrbewegung, bei der der gegnerische Schnitt aus der Angriffsmitte zu allen Seiten gelenkt wird, während man sich selbst in eine günstige Position bring, um für den Gegenangriff, oder das was der Moment bringt, bereit zu sein. Dabei sind Winkel, Bewegung und Timing zur Kontrolle des gegnerischen Schwerts unerlässlich.“
Die wohl bekannteste Arbeitsweise (Waza) in der Schwertkunst ist hierbei einen Angriff von oben umzulenken. Dabei wird die Klinge schräg über dem Kopf und Arme angestellt,
so dass der gegnerische Schnitt seitlich abgleiten kann. Oft gefolgt von einem Schritt aus der Angriffslinie heraus, als sofortiger Konter. Daraus generiert sich also eine Abwehr und ein Angriff in einer Bewegung.
Doch ist hierbei auch ein philosophischer Aspekt (Shinpō 心法) nicht zu vernachlässigen. Uke Nagashi verkörpert ein zentrales Prinzip im Bujutsu. Es bedeutet einen Nichtwiderstand und ein an sich vorbeiströmen lassen eines Einflusses, einer Einwirkung. Im Zusammenspiel der Waza und der geistigen Einstellung, ergibt sich eine Effizienz, anstelle einer Kraft gegen Kraft Anwendung. Mit einer Kontrolle des geführten Moments, wird eine direkte Konfrontation umgangen / umgelenkt. Sieg entsteht durch Positionieren und nicht durch reine Stärke. Das eigene Zentrum bleibt geschlossen und die gegnerische Mitte öffnet sich.
Es gibt ein Sprichwort: „Das Schwert ist ruhig, der Mensch ist ruhig, der Gegner fällt.“
Somit könnte man Uke Nagashi auch als reinigende Bewegung umschreiben.
Im Bujinkan Budō Taijutsu ist Uke Nagashi weniger Schwerttechnik, als ein universelles Bewegungsprinzip, was Körperbewegung und Waffenführung einheitlich betrifft. Was Uke Nagashi im Bujinkan besonders macht, ist der Fokus auf Nagare (Fluss), die Nutzung des Kukan (Raum) und das Arbeiten mit Kyojitsu (Täuschung). Es sieht oft weich aus, ist aber im Grundsatz strukturell und kontrolliert, wenn die Kihon und das Zusammenspiel der aufbauenden Waza gut verinnerlicht wurden. Dieses Verständnis ist die Grundlage für Chikara no Iranai Waza 力のいらない技,den Techniken die keine Kraft benötigen.
„Brich nicht direkt die Balance deines Gegners (Kuzushi 崩し), sondern führe ihn in einen Raum (Kūkan 空間), in dem er von selbst kein Gleichgewicht mehr hat.“
Masaaki Hatsumi Soke
„Beweg dich so, dass du nicht da bist, wenn er ankommt.“
In der Tenshin Shōden Katori Shintō Ryū beschreibt Uke Nagashi das Zusammenspiel von Raum gewinnen (Maai), Stellung einnehmen (Kurai), Zeit stehlen (Hyōshi), Linie halten (Kachiguchi), und im Fluss schneiden (Nagare). Die Klinge ist nur der sichtbare Teil des großen Ganzen. Der eigentliche Kampf findet in Raum, Timing und Geist statt.
In der Kashima Shintō Ryū ist Uke Nagashi umschrieben als das Bewahren der eigenen Mitte, während der Gegner seine verliert und die Klinge folgt, denn der Geist führt.
Das Sprichwort umschreibt dies: „Steh wie ein Pfahl, der Wind biegt sich um dich.“
Beschreibt doch in der Yagyū Shinkage Ryū das Uke Nagashi auch weniger die Technik als mehr der Ausdruck des Heiho 兵法, der Leere des Herzens und des Lebensschwerts. Hier bekommt das Umlenken eine stark innere, geistige Bedeutung. Den Angriff so leer werden lassen, dass weder Sieg noch Niederlage entstehen müssen.
Der Gegner verliert, ohne dass du kämpfen musst.
In der Enshin Ittō Ryū Battō Jutsu ergibt das Uke Nagashi einen deutlich funktionalen, schnittorientierten Charakter. Hier ist das Fließenlassen untrennbar mit dem Zug aus der Saya und dem ersten Schnitt verbunden. Es ist weniger philosophisch formuliert, aber extrem präzise in Prinzip und Anwendung. Vielleicht kann man es als ein Schwert und ein Entschluss beschreiben, als die Entscheidung in einem Augenblick.
Jede Tradition interpretiert Uke Nagashi etwas anders, das Grundprinzip bleibt jedoch bei allen gleich.