Bujinkan Furyu Dojo e.V. - Schule für traditionelle japanische Kampfkünste

Übungsgruppe – Aizu den Mugai Ryū Kodachi Jutsu

von Jürgen 5. August 2026

Aizu den Mugai Ryū Kodachi Jutsu 会津伝無外流小太刀術

Es hat etwas gedauert doch nun haben wir mit einer Übungsgruppe begonnen. Ab dem 4. Dan in der Enshin Ittō Ryū Battō Jutsu kann das Studium der Kihon des Aizu den Mugai Ryū Kodachi aufgenommen werden.

Diese traditionsreiche und effektive Kurzschwertkunst aus der Aizu-Region vereint Zen-Philosophie, geistige Disziplin und präzisen Nahkampf mit dem Kodachi. Seit Generationen wird diese besondere Linie der Schwertkunst innerhalb der Familie Machita unter dem Schirm des Enbukan weitergegeben.

Unser Dojo ist stolz darauf, das erste in Deutschland zu sein, das die traditionelle Aizu-Linie des Mugai Ryū Kodachi Jutsu offiziell vermitteln darf.

Interessierte ab dem 4. Dan Enshin Ittō Ryū sind herzlich eingeladen, sich direkt bei mir zu melden.

Viele Grüße,

Jürgen Bieber

Aizu den Mugai Ryū Kodachi Jutsu – Chūden Menkyō

Takagi Yōshin Ryū Jūtaijutsu 高木揚心流柔体術

von Jürgen
Die Takagi Yōshin Ryū Jūtaijutsu nimmt innerhalb der im Bujinkan überlieferten Traditionen eine besondere Stellung ein. Ihr Charakter unterscheidet sich deutlich von Kampfsystemen, die ihre Stärke vor allem in der Bewegung über größere Distanzen oder im Einsatz langer Waffen entfalten. Die Takagi Yōshin Ryū entstand aus einer Lebenswirklichkeit, in der Kämpfe häufig nicht auf offenen Schlachtfeldern, sondern in Burgen, Residenzen und Wohnhäusern ausgetragen wurden. Enge Korridore, kleine Tatami-Räume, niedrige Decken, Holzsäulen und Schiebetüren bestimmten den verfügbaren Bewegungsraum. Die Ryū ha entwickelte deshalb eine Kampfweise, die auf Kontrolle statt Kraft, auf Präzision und auf das geschickte Nutzen des unmittelbaren Nahbereichs ausgerichtet ist.
Gerade darin liegt ihre Besonderheit. Während viele moderne Kampfkünste davon ausgehen, dass sich der Kämpfende frei bewegen kann, lehrt die Takagi Yōshin Ryū, wie man unter räumlichen Einschränkungen überlegen handelt. Der Übende sucht nicht die Flucht aus der Distanz, sondern bewegt sich bewusst in den Raum des Gegners hinein. Es entscheiden Körperstruktur, Gleichgewicht, Timing und das feine Gespür für den Schwerpunkt des Gegners über den Ausgang einer Auseinandersetzung. Das Ziel ist nicht, den Gegner mit roher Kraft zu überwältigen, sondern ihn seiner Fähigkeit zu berauben, Kraft überhaupt wirksam einsetzen zu können.
Diese Denkweise spiegelt sich auch in den Waffen wider, die traditionell mit der Takagi Yōshin Ryū verbunden sind. Das Shōtō, das Kurzschwert, entfaltet seine eigentliche Stärke gerade dort, wo ein langes Katana nur eingeschränkt gezogen oder geführt werden kann. In schmalen Räumen wird das Shōtō mit kurzen, präzisen Bewegungen, die unmittelbar aus der Körpermechanik entstehen geführt. Schnitte, Stiche, Hebel und Kontrolltechniken gehen dabei fließend ineinander über.
Eine ähnliche Rolle übernimmt der Tessen, der eiserne Fächer. Für Außenstehende mag er zunächst ungewöhnlich erscheinen, doch gerade seine Unauffälligkeit machte ihn historisch zu einem wertvollen Begleiter. In Bereichen, in denen Schwerter abgelegt werden mussten oder ihr Tragen unangebracht war, blieb der Tessen verfügbar. Seine eigentliche Stärke liegt nicht allein im harten Schlag, sondern in seiner Vielseitigkeit. Mit ihm lassen sich Gelenke kontrollieren, Finger einklemmen, Druck auf empfindliche Punkte ausüben oder die Bewegung des Gegners unterbrechen, ohne dass dafür große Bewegungen erforderlich wären. Er ergänzt damit genau jene Prinzipien der Tradition, die auf minimale Bewegungen und maximale Kontrolle ausgelegt sind.
Wenn die Kleidung im Kampf eingesetzt wurde, verändert sich der Blick auf die Takagi Yōshin Ryū grundlegend. Haori, Kimono, Obi und Hakama waren für den Samurai keine bloße Bekleidung, sondern gehörten zu seinem Alltag und wurden selbstverständlich in das Kampfverständnis einbezogen. Eine Kampfkunst, die für den täglichen Gebrauch entwickelt wurde, musste daher berücksichtigen, wie sich diese Kleidung auf die Bewegung auswirkte und welche Möglichkeiten sie bot.
Die Bauweise japanischer Häuser, die Etikette innerhalb einer Residenz, die Kleidung des Samurai und die Waffen, die in bestimmten Situationen verfügbar waren, beeinflussten unmittelbar die Entwicklung der Bewegungsprinzipien.
Wer diese Ryū ha studiert, lernt daher nicht nur, wie ein Hebel oder ein Wurf funktioniert, sondern warum sich genau diese Form der Bewegung über Jahrhunderte bewährt hat. Die Takagi Yōshin Ryū bewahrt damit ein einzigartiges Verständnis des Nahkampfes, der nicht im freien Feld entschieden wird, sondern auf engstem Raum, in unmittelbarer Nähe des Gegners und mit einer Ruhe, Präzision und Kontrolle, die bis heute außergewöhnlich wirkt.

 

Furyu Keiko Kai Tag 1

von Jürgen

Der erste Tag des Furyu Keiko Kai ist immer dem japanischen Schwert gewidmet. Der Fokus an diesem Tag, liegt nicht im studieren von reinen Kata, sondern im Bunkai, den Anwendungsprinzipien. So konnte ich verschiedene Einzelanwendungen zweigen und ein breites Spektrum der wunderbaren Schwertkunst des Enshin Itto Ryu Batto jutsu demonstrieren.

Im Anschluss des Unterrichts wurde eine Prüfung abgehalten. Wir gratulieren Sebastian zum 2. Kyu und Patrick zum 1. Dan. Die beide trotz Aufregung einen guten Test ablegen konnten.

Als Abschluss des Abends konnte Ulrich weitere Einblicke in seine tiefgründige initiatische Schwertarbeit an die Teilnehmer weitergeben. Er hat nicht nur super Ausrüstung im bokken-shop, sondern ebenso ein Arbeiten mit dem Schwert zum Wesentlichen des selbst hin.

 

 

Anfahrt zum Furyu Keiko Kai 2026

von Jürgen 21. Juni 2026

Die Schwertarbeit auf begrenztem Raum

von Jürgen 5. Juni 2026

Die Schwertarbeit auf begrenztem Raum, ermöglicht keine ausladenden Bewegungen und dennoch ist es möglich die Klinge effektiv zu führen.

Viele Menschen stellen sich vor, dass ein Katana einen großen Schwung braucht, tatsächlich kann mit Erfahrung auch Schnitte aus sehr kurzen Bewegungen ausführt werden. Die Schneidwirkung entsteht durch die Kombination von Vorwärtsbewegung und ziehendem Schnitt. Der Schnitt muss nicht aus einem großen Ausholen kommen, den viele Techniken beginnen bereits aus einer Position nahe am Körper.

Dabei ist die Bein- und Körperpositionierung ausschlaggebend. Die Kraft kommt aus dem Zusammenspiel von Körper und seiner Positionierung in der Bewegung. Durch kleine Schritte und Drehungen kann die Klinge aus günstigen Winkeln eingesetzt werden. Teilweise fließt eine Veränderung der Griffhaltung mit ein. In Korridoren, Türen oder engen Innenräumen können Stiche praktischer sein als große Schnitte. Dabei kommt auch die Tsuka, Tsuba und die Soete-Klingenführung zum Einsatz.

Auch wenn das Shōtō hierzu die bessere Wahl wäre, gibt es Möglichkeiten das Daitō ebenso zu verwenden.

Miyamoto Musashi schrieb in seinem Buch der Fünf Ringe sinngemäß, dass man die Länge der Waffe an die Umgebung anpassen müsse. Er betonte, dass ein Schwertkämpfer nicht starr an einer einzigen Kampfweise festhalten dürfe und in diesem Fall muss die Langschwertführung angepasst werden.

Viele Traditionen des Tōjutsu besitzen auch solche Anwendungsprinzipien in ihrem Lehrplan, wie die Togakure Ryu Biken Jutsu und die Enshin Itto Ryu Batto Jutsu.

Historische Samurai und Shinobi betrachteten enge Räume als eigene taktische Herausforderung.  Deshalb entstanden spezielle Techniken für den Einsatz beider Klingen, des Daisho.

Shikan Ken 指貫拳 der Kukishin Ryū und das Prinzip dahinter

von Jürgen 30. Mai 2026
Vielleicht kann ich hier etwas zum besseren Verständnis der Schlagart Shikan Ken beitragen. Warum Schlagen wir eigentlich auf diese Weise?
Es gibt einige interessante Besonderheiten in den Bujutsu-Traditionen, die in Rüstung kämpfen. Der Begriff Shikan Ken wird oft uneinheitlich geschrieben, darum hier die häufigste Schreibweise:
Shi 指 = Finger
Kan 貫 = Durchbohren, durchdringen und hindurchgehen
In der On-Lesung bedeutet es Kan und in der Kun-Lesung Tsuranuku (貫く). Hier wird es interessant. Die Kun-Lesung ist japanisch und die On-Lesung wird chinesisch beeinflusst. Es ist ein sehr wichtiges Kanji im Zusammenhang alter Kampfkünste und bedeutet nicht bloß schlagen, sondern durch die Struktur gehen. Eben nicht nur mit Kraft treffen, sondern eher die eigene Struktur, Absicht, Kraftlinie und Präsenz angreifen, ohne Unterbrechung durch das Ziel hindurch. Interessant ist es auch, dass das Kanji die Prinzipien des konsequenten Durchhaltens, bedeuten kann.
Darum taucht es auch oft in Prinzipien wie dem durchdringen der gegnerischen Kamae auf. Ebenso in der ungebrochenen Kraftlinie, der Körperstruktur statt isolierter Muskelkraft und der Absicht der geistigen Konsequenz. Das macht das Kanji in den alten Kampfkünsten so kraftvoll.
Ken 拳 = Faust oder geballte Hand
Verbunden kann man hier auch die Bedeutung einer durchdringende Finger-Faust sehen, oder der Faust mit durchdringender Fingerstruktur. Auch gibt es Übersetzungen als Penetrierende Faust oder Spaltende Faust. Aber alles deutet auf einen Kern hin.
Nun betrachten wir die Besonderheit dieser Schlagart, der stark vom Kampf in Yoroi, der Rüstung geprägt ist. Hierbei gibt es drei wichtige Bereiche die ihren Einfluss hatten:
1 Katchū Gassen 甲冑合戦
Der allgemeine Kampf auf dem Schlachtfeld in Rüstung.
2 Yoroi Kumiuchi 鎧組討 #
Vielleicht der bekannteste Begriff, wenn es um die Kukishin Ryū Dakentaijutsu geht. Es ist der waffenlose oder halbbewaffnete Nahkampf innerhalb einer solchen Schlacht.
3 Ōyoroi Dōshi 大鎧通し
Bezeichnet eine Waffe, die im Yoroi Kumiuchi genutzt werden konnte, um einen gepanzerten Gegner zu töten oder kampfunfähig zu machen.
Die Taijutsu Anwendungen darin, waren durch die Rüstung eher kompakt und effizient. Nutzbare Ziele wurden unter anderem in den Helmöffnungen, Achseln, Gelenkspalten, Halsbereich usw. gesucht, eben den offenen Stellen der Rüstung, die den Gegner verwundbar machen.
Nun wird es auch verständlicher, was wirklich hinter dem Kanji Kan 貫steht. Waffen und Faustformen müssen also so angepasst sein, damit sie eine durchdringende Wirkung besitzen. Der Begriff Shikan Ken wird in verschiedenen Traditionen etwas unterschiedlich interpretiert, aber das Grundprinzip ist sehr ähnlich.
Das Grundprinzip ist eine schmale Hand- und Fingerpositionierung, deren Knöchel- und Gelenksstruktur stabilisiert. Die Daumenpositionierung unterstützt dabei und kann auch zum verriegeln der Handhaltung dienen.
Es ist kein klassischer Boxschlag, sondern eher ein Spaltschlag in Rüstungslücken. Es kommt einem Druckstoß gleich, der in der Rückführung auch zu einem Haken werden kann. Eine reine Schlageinwirkung allein, würde stark von der Rüstung absorbiert. Darum ist Penetration und Strukturbruch wichtiger sind als ein reiner Impact. Allein die Handhaltung ohne Schlagausführung bietet bereits einen Schutz vor möglichen Verletzungen der Finger und ist auch typisch für Koryū im Rüstungsbereich.
Ähnliche Prinzipien gibt es auch in der Araki Ryū, deren Handformen oft halbgeschlossen und klammernd sind, mit viel Druck- und Stoßbewegungen. Oder die Takenouchi Ryū, die ein sehr ausgeprägtes Yoroi Kumiuchi besitzt und deren Faust eher an ein Strukturwerkzeug erinnert, als ein reines Schlaginstrument. Hierbei wird in Gelenke gedrückt, gehebelt und kontrollierte Stöße in Lücken ausgeführt.
Alle Traditionen besitzen die gleiche Kernidee. Im Rüstungskampf ist das reine Schlagen sekundär, entscheidend ist immer die Struktur, der Eintrittswinkel und letztendlich die Kontrolle über den Gegner.
Ein anderer Aspekt ist auch der Zusammenhang mit Kote 籠手 und der Biomechanik der Finger und des Handgelenks. Kote, bezeichnet den Arm- und Handschutz der Rüstung. Wenn diese richtig an den Körper angepasst wurden, dann war es auch eingeschränkt die Finger stark einzurollen, so wie wir es von einem Faustschlag kennen. Das führt dann auf natürliche Weise zu halbgeschlossenen Fäusten, die die Waffen gut halten konnten, mit der Fähigkeit durchdringender Schläge und Griffoptionen.
Auf den ganzen Körper betrachtet, beeinflusste das tragen der Rüstung die gesamte Biomechanik des Körpers. Große Rotationen werden schwerer, darum auch die spezielle Art der Körperbewegung. Die Schulterfreiheit sinkt, die Ellbogenfreiheit wird beeinflusst und wie beschrieben, die Freiheit der Fingerbeweglichkeit nimmt ab und dennoch wird die Hand multifunktional eingesetzt.
Hier noch eine interessante Anekdote von Daishihan Arnaud Cousergue aus seinem Blog, vom 01.05.2013:
„How To Use Shikan Ken?
Eines Tages fragte ich ihn im Unterricht:
„Sensei, warum ist es so, dass ich mir jedes Mal beinahe die Finger breche, wenn ich Shikan Ken benutze?“
Seine Antwort war so einfach, dass ich mich dumm fühlte:
Wenn man den Gegner mit Shikan Ken trifft, beginnt das Ken aus einem entspannten Fudō Ken heraus (die zweite Bedeutung: „Entspannung“). Beim Aufprall muss man dann die Knöchel und die Hand in einem bestimmten Winkel überstrecken und dabei alle Finger anspannen. Wenn man das im nächsten Training ausprobiert, merkt man, dass die Schmerzen verschwinden.
Aus meiner Erfahrung ist genau dieser Winkel der Hand das Geheimnis.
Durch das Erzeugen eines dynamischen Winkels spannt man die Muskeln der Hand an, die Sehnen werden stabilisiert und die Knochen an ihrem Platz gehalten.
Aber denkt daran: Beginnt Shikan Ken immer mit einer entspannten Faust und spannt sie erst im Moment des Aufpralls an.
Die Grundlagen heißen Grundlagen, weil sie das Fundament bilden, auf dem man starkes Taijutsu aufbaut. Und um diese Grundlagen zu verstehen, muss man endlos forschen und qualifizierte Personen befragen. Und die qualifizierteste Person im Bujinkan ist unser Sōke, Hatsumi Sensei.
Technische Anmerkung: Je nach Lehrprogramm verwendete Sensei entweder „Hōken Jū Roppō“ (16 Waffenprinzipien) oder „Hiken Jū Roppō“ (16 verborgene Waffen), daher sind beide Begriffe korrekt.“
Ich denke jetzt wird es klarer warum die Schlagart des Shikan Ken im Bujinkan und seiner Historie so bedeutend ist.
Jürgen Bieber 風流