Die Geister der Kuki – Kuki no Rei 九鬼の霊
30. Januar 2026Kukishin Ryū Kodachi Jutsu 九鬼神流 小太刀術
In der Kukishin Ryū 九鬼神流 gibt es einige interessante Erzählungen zum Thema Shōtō und meist im Zusammenhang mit Nahkampf, auf engem Raum und zur Kontrolle. Die Tradition war eine Samurai- und Seefahrerlinie von der späten Kamakura Jidai bis in die frühe Edo Jidai. In den Erzählungen heißt es, dass in manchen Situationen das Shōtō zur entscheidenden Waffe wurde, um Gegner zu entwaffnen oder über Bord zu stoßen.
Die Tradition ist stark mit Kumiuchi (bewaffnetes Ringen in Rüstung) verbunden.
Der Geister der Kuki und die Legenden aus der Küstenregionen. In regionalen Erzählungen aus Kumano und der Ise Bucht wird von Kuki Samurai berichtet, die bei Nachtangriffen auf Piratenboote nur mit kurzen Klingen und Seilen kämpften. Diese Geschichten sind stark ausgeschmückt, aber sie unterstreichen das Bild der Kukishin Ryū als Schule für unorthodoxe, praktische Gefechtssituationen.
In den Küstendörfern rund um Kumano und die Ise Bucht erzählen die Ältesten noch heute Geschichten, die irgendwo zwischen Chronik und Mythos schweben. Man nennt sie auch die Geister der Kuki, nicht, weil diese Samurai wirklich übernatürlich gewesen wären, sondern weil sie in den Erinnerungen der Menschen wie Schatten aus Nebel und Mondlicht auftauchen.
Eine der bekanntesten Erzählungen spielt in einer stürmischen Nacht vor der Küste von Shima. Fischer sollen damals Lichter auf dem Wasser gesehen haben, wie tanzende Irrlichter. Erst später erfuhren sie, dass es keine Geister waren, sondern die Männer des Kuki Klans. In kleinen Booten näherten sie sich lautlos den Piratenschiffen, die in der Bucht ankerten. Anstatt mit Pfeilen oder Musketen anzugreifen, warfen sie Seile mit Haken über die Reling, zogen sich heran und kämpften Mann gegen Mann mit kurzen Klingen. Die Piraten, so heißt es, glaubten, von Dämonen überfallen zu werden, weil die Angreifer aus der Dunkelheit auftauchten und genauso schnell wieder verschwanden.
In Kumano wiederum erzählt man von einem Pfad entlang der Klippen, den nur die Kuki gekannt haben sollen. Dort, wo das Meer tief unter den Felsen tobt, sollen sie sich bei Nebel entlanggeschlichen haben, um Piratenlager von der Landseite her anzugreifen. Die Dorfbewohner berichten, dass man manchmal noch das Klirren von Stahl im Wind zu hören glaubt, wenn der Nebel vom Meer heraufzieht.
Historisch lassen sich viele dieser Geschichten nicht belegen, doch sie spiegeln ein reales Bild wider. Denn der Kuki Klan war eng mit der Küste und der Seefahrt verbunden und für seine unkonventionellen Methoden bekannt. Die Kukishin Ryū, die aus dieser Tradition hervorging, bewahrt dieses Image bis heute als Tradition, die weniger Wert auf formelle Duelle legte, sondern auf das Überleben in chaotischen, praktischen Gefechtssituationen.
In den Küstenregionen und Tempelchroniken gibt es noch einige weitere Erzählungen, die das Bild der Kuki als Samurai auch mit kurzen Klingen und ungewöhnlichen Taktiken vertiefen. Auch hier vermischen sich Überlieferung, lokale Folklore und spätere Ausschmückung.
Eine Geschichte aus der Gegend um Owase berichtet von einem nächtlichen Überfall auf ein Piratenversteck in einer Felshöhle. Die Piraten hatten ihr Lager tief in eine Bucht gelegt, die nur bei Flut erreichbar war. Der Legende nach wateten die Kuki Samurai bei Ebbe durch das knietiefe Wasser, mit Tantō und Shōtō hochgebunden, damit die Klingen nicht vom Salzwasser beschädigt wurden. Als die Flut zurückkehrte, waren sie bereits im Inneren der Höhle. Die Piraten sollen im Schlaf überrascht worden sein, und die Dorfbewohner erzählten später, man habe am nächsten Morgen nur noch verlassene Boote und abgeschnittene Seile gefunden, die im Wasser trieben.
In der Ise Bucht gibt es eine Erzählung über einen Kuki Anführer, der der Mann mit den zwei Schatten genannt wurde. Man sagt, er trug zwei kurze Klingen, eine an der Hüfte und eine am Rücken. Bei einem Angriff auf ein größeres Schiff soll er sich an der Bordwand hochgezogen haben, während seine Männer Ablenkung schufen. Oben angekommen, habe er mit der ersten Klinge die Laternen zerschlagen, um Dunkelheit zu schaffen, und mit der zweiten lautlos die Wachen ausgeschaltet. Für die Seeleute wirkte es, als bewege sich nur ein einziger Schatten über das Deck.
Aus Kumano stammt auch die Legende vom Regenkampf. Während eines plötzlichen Sommergewitters sollen Kuki Samurai einen Piratenkonvoi auf einem schmalen Küstenpfad gestellt haben. Lange Waffen waren im dichten Unterholz unbrauchbar, also griffen sie zu kurzen Klingen und Seilen. Man erzählt, der Regen habe die Fackeln gelöscht und die Schreie im Donner verschluckt, sodass die Dorfbewohner nur am nächsten Morgen die Spuren des Kampfes sahen. Nur zertrampelten Boden, zerfetzte Mäntel und Klingenabdrücke im weichen Schlamm, konnten am nächsten Morgen gefunden werden.
Eine ruhigere, fast melancholische Geschichte handelt von einem alten Kuki Samurai, der sich nach Jahren auf See in sein Dorf, nahe eines Schreins zurückgezogen haben soll. Wenn Kinder ihn nach seinen Waffen fragten, zeigte er ihnen nur ein kleines, schlichtes Messer und sagte: Auf dem Meer gewinnt nicht der mit der längsten Klinge, sondern der, der weiß, wo er stehen muss, wenn die Wellen kommen.
Diese Worte wurden später oft als Sinnbild für die Denkweise der Kukishin Ryū zitiert.
All diese Erzählungen sind weniger als historische Berichte zu verstehen, sondern als Spiegel dessen, wie die Menschen die Kuki sahen. Nicht immer als prunkvolle Krieger auf offenen Schlachtfeldern, sondern als lautlose, anpassungsfähige Kämpfer der Küste und der See, deren kurze Klingen und kluge Taktiken im Schatten und in der Enge ihre größte Stärke waren.
Eine bekannte Dojo Geschichte aus späteren Kuki Linien erzählt, dass Schüler mit dem Rücken an einen Holzpfosten gestellt wurden und Angriffe nur mit dem Shōtō abwehren durften.
Die Lehre dahinter:
Wenn du keinen Raum hast, hast du nur noch dein Herz und dein kurzes Schwert.
Eine typische Anekdote beschreibt einen Kuki Samurai, der im Gerangel sein Langschwert verliert und mit dem Shōtō den Gegner kontrolliert, während er ihn zu Boden zwingt.
Daraus wurde dann der Satz: Das kurze Schwert ist das, was bleibt, wenn alles andere verloren ist.
In der Schlacht bei Okehazama (1560), in einem Nachtangriff, wird der berühmte Überraschungsangriff Oda Nobunagas auf Imagawa Yoshimoto erwähnt. Auch wenn die Kukishin Ryū nicht direkt historisch belegbar beteiligt war, wird das Ereignis in der Schule als Lehrbeispiel für den Einsatz kurzer Waffen bei Chaos, Regen und engen Räumen genutzt, also dann, wenn lange Klingen schwer zu führen sind.
Eine weitere Erzählung, beschreibt ein Samurai der den Gegner mit dem Shōtō zu Boden zwingt und dann mit Hōjōjutsu fesselt, statt ihn zu töten.
So leben die Geister der Kuki weniger als historische Figuren weiter, sondern als Teil der lokalen Identität. Als Sinnbild für List, Anpassungsfähigkeit und die enge Verbindung,
zwischen Mensch Meer und Schatten der Vergangenheit.
Sei dir immer der Tiefe der Traditionen bewusst, die durch Hatsumi Soke weitergegeben wurden.
Jürgen Bieber 風流
(PS.: Die Kata der Kukishin(den) Ryū und vieles mehr, sind in meinem Shōtō Buch zu finden. Viel Spaß beim Lesen und entdecken.)